Wer als Mentor:in um Unterstützung gebeten wird, hat oft den Reflex, eine Antwort zu liefern: einen guten Rat, eine Lösung aus der eigenen Erfahrung. Dabei entsteht oftmals die eigentliche Wirkung einer Mentoring-Beziehung woanders; in der guten Frage, die das Gegenüber selbst weiterdenken lässt. Genau hier setzt auch das klassische Coaching an. Und genau darum ging es in diesem interaktiven Workshop mit einer Gruppe von Mentor:innen: Was können wir aus dem Coaching für bessere Mentoring-Gespräche lernen?
Nicht die Frage entscheidet, sondern die Haltung
Der vielleicht überraschendste Impuls kam gleich zu Beginn: Über den Erfolg eines Gesprächs entscheidet nicht die perfekte Frage, sondern die Haltung und Präsenz, mit der wir da sind. Wer innerlich schon beim nächsten Termin ist, dem hilft auch die klügste Fragetechnik nicht weiter.
Deshalb haben wir zuerst nach innen geschaut. In jedem Gespräch sind verschiedene innere Stimmen im Spiel – bei uns wie bei unserem Gegenüber. Bei Mentor:innen ist da zum Beispiel der Teil, der ruhig zuhören möchte, und daneben der Skeptiker, der die eigene Rolle hinterfragt: Greife ich zu früh ein? Lasse ich der anderen Person genug Raum? Bei Mentees melden sich der neugierige Lernende, der innere Kritiker oder der Anteil, der gerade viel Unsicherheit mitbringt. Diese Stimmen ganz zum Schweigen zu bringen, gelingt ohnehin nicht – hilfreicher ist, sie wahrzunehmen, ohne ihnen das Steuer zu überlassen. Für Mentor:innen ist das doppelt wertvoll: Wer die eigenen Stimmen kennt, bleibt im Gespräch klarer und präsenter.
Vom Coaching ins Mentoring: an echten Situationen arbeiten
Damit es nicht theoretisch blieb, haben wir an konkreten Situationen gearbeitet, wie sie im Mentoring wirklich vorkommen.
Zum Beispiel: Man kommt gestresst aus einem Termin, der nächste wartet schon und dazwischen soll ein gutes Mentoring-Gespräch gelingen. Was tun, wenn man nach zwei Minuten merkt, dass es gerade nicht läuft? Hier ging es um Präsenz, darum, kurz bei sich selbst einzuchecken, bevor man wirklich beim Gegenüber ankommt.
Oder: Eine Mentee hat im Team Gegenwind für eine Idee bekommen und zweifelt an sich. Statt schnell einen Rat zu geben, haben wir geübt, geduldig zu bleiben, nachzufragen und ihr Raum zu lassen, ihren eigenen nächsten Schritt zu finden.
Und wir haben ausprobiert, wie schon eine kleine Verschiebung in der Sprache viel bewegen kann: Aus „du bist enttäuscht“ wird „ein Teil von dir ist enttäuscht und ein anderer will es beim nächsten Mal besser machen“. Das nimmt Druck heraus und öffnet das Gespräch.
An jeder dieser Situationen haben die Mentor:innen ausprobiert, wie sie selbst vorgehen würden und dabei ihre eigene Art zu begleiten geschärft.
Wer fragt, der führt
Der dritte Teil des Workshops gehörte ganz der Frage. Einige erinnern sich noch an das Fragen-Lied aus der Sesamstraße mit all seinen „Wer, wie, was“. Was als Kinderlied beginnt, ist im Mentoring ein echtes Werkzeug. Wir haben uns angeschaut, wie viel unter der Oberfläche eines Gesprächs liegt – hinter den Worten die Gefühle, Bedürfnisse und Annahmen – und wie gute Fragen dabei helfen, genau diese Ebene zu erreichen, während ein schneller Rat meist an der Oberfläche bleibt.
Dazu haben wir eine ganze Bandbreite an Fragetypen kennengelernt: von lösungs- und ressourcenorientierten Fragen über Skalierungs- und zirkuläre Fragen bis zur bekannten Wunderfrage. Nicht, um sie auswendig zu lernen, sondern um im richtigen Moment die passende zur Hand zu haben. Denn jeder Mensch nimmt eine Situation ein bisschen anders wahr. Wer offen und neugierig bleibt, versteht besser, wie das Gegenüber sie erlebt und genau darauf lässt sich im Gespräch aufbauen.
Was die Mentor:innen mitgenommen haben
Am Ende standen drei einfache Leitgedanken:
- Sich Zeit nehmen, erst zum Zuhören und Verstehen, dann fürs Reden über Erfahrungen und Lösungen.
- Bei sich selbst einchecken – die eigene Haltung und Stimmung prägen das Gespräch mehr als jede Technik.
- Neugier ist der Schlüssel zu neuen Erkenntnissen – und es braucht Mut, ihn im entscheidenden Moment auch umzudrehen.
Mein Ansatz als Trainerin
Mir ist wichtig, dass niemand mit reiner Theorie nach Hause geht, sondern mit etwas, das sich schon am nächsten Tag anwenden lässt. Deshalb war auch dieser Workshop interaktiv angelegt: viel Austausch, echte Situationen, Raum zum Üben. Ich bringe die Werkzeuge aus dem Coaching mit und übersetze sie so, dass sie im Mentoring-Alltag wirklich ankommen – nah an den Fragen, die die Mentor:innen tatsächlich beschäftigen. Denn gute Fragen kann man lernen. Man muss sich nur trauen, sie zu stellen.